Zwiesel-Lineart

Glasklarer Sieger

Ohne Hilfe der LfA würde heute kein Glas aus Zwiesel auf den Tischen dieser Welt stehen: Einst ein Sanierungsfall, wurde das Unternehmen 2025 als „Weltmarktführer Champion“ im Segment „Kristallglas für gehobene Hotellerie und Gastronomie“ ausgezeichnet – das neunte Jahr in Folge!

Text Stefanie Lindner

Entschlossene Modernisierung mithilfe der LfA

Wenn in Hollywood bei den Oscars angestoßen oder im Burj al Arab in Dubai der Champagner eingeschenkt wird, steckt ein Stück Bayerischer Wald im Glas. Die Marke Zwiesel Fortessa hat sich in mehr als 150 Jahren zum Standard für gehobene Trinkkultur entwickelt. Wer ein Glas des Traditionsunternehmens in der Hand hält, ahnt jedoch selten, dass dahinter eine Geschichte voller Umbrüche und mutiger Neustarts steckt.

Sie beginnt im Jahr 1872, als der Fuhrunternehmer Anton Müller erfährt, dass eine neue Eisenbahnstrecke durch
Zwiesel gebaut werden soll. Für sein Geschäft bedeutet das das sichere Aus. Doch statt zu resignieren, gründet er am Ortsrand eine Glashütte und benennt sie nach seiner verstorbenen Frau Anna. „Annathal“ produziert zunächst Tafelglas für Fenster – getragen von der Aufbruchstimmung des Kaiserreichs und dem industriellen Wandel. 1884 verkauft Müller die Hütte an die Brüder Tasche aus Köln, die den Betrieb als „Zwieseler Farbenglashütte“ weiterführen und in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Um die Jahrhundertwende schließt sich das Unternehmen mit einem Glaswerk in Pirna zusammen und expandiert als „Vereinigte Zwieseler und Pirnaer Farbenglaswerke AG“ ins Ausland.

1927 übernimmt Erich Schott die Ak­tienmehrheit der „Vereinigten“ und ver­lagert den Produktionsschwerpunkt im Bayerischen Wald auf Hohlglas für Kelchgläser. Nach dem Zweiten Weltkrieg startet der damalige Schott-Konzern 1946 in Zwiesel neu. In den 1950er-Jahren konzentriert sich das Werk ganz auf die Kelchglasfertigung und automatisiert die Produktion zunehmend. Zum Symbol dieser Blütezeit wird die maschinen­gefertigte Gastronomiegarnitur „Neckar“. 1978 läuft das 250-millionste Glas der Serie vom Band und beschert dem mittlerweile in „Schott Zwiesel“ um­benannten Unternehmen einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde.

Zwiesel Fortessa AG

Gründung: 1872

Standort: Zwiesel (Hauptsitz), Ungarn (Glasmanufaktur), USA, Frankreich, Spanien, China, Japan, Indien

Mitarbeitende: 1.000+(Gruppe), circa 800 am Standort Zwiesel und in Ungarn 

www.zwiesel-glas.com

Vom Sanierungsfall zum Weltmarktführer

Dann kommen die 1990er-Jahre – und mit ihnen der tiefste Einschnitt in der Unternehmensgeschichte. Durch den globalen Wettbewerbsdruck, veränderte Märkte und die Umstellung auf bleifreies Kristallglas gerät der Standort massiv unter Druck, zahlreiche Arbeitsplätze werden abgebaut. 1999 wird der heutige Inhaber Prof. Dr. Andreas Buske aus dem Mainzer Schott-Stammhaus nach Zwiesel geschickt – mit dem Auftrag, das Werk zu retten oder zu schließen.

Buske entscheidet sich für einen dritten Weg: 2001 übernimmt er gemeinsam mit dem damaligen Vorstandschef Dr. Robert Hartel die Aktienmehrheit von „Schott Zwiesel“. Beide sind überzeugt: Die Mitarbeiter in Zwiesel machen das beste Kristallglas der Welt und das Unternehmen kann Weltmarktführer werden – wenn sich Marken-, Markt- und Vermarktungsstrategie der Logik der besseren Produkte anpassen. Der Neustart ist hart. Das Sortiment wird von über 6.000 auf 1.800 Produkte verschlankt. Von den knapp 2.000 Beschäftigten in den 1990er-Jahren, die zum Zeitpunkt der Übernahme auf 650 geschrumpft sind, können nur 450 bleiben. Gleichzeitig setzt das Management auf Innovation: 2002 kommt das Tritan®-Kristallglas auf den Markt – ein neuartiges Glasmaterial, das besonders bruch-, kratz- und spülmaschinenfest ist.

Der Kurswechsel zahlt sich aus. Zwei Jahre nach der Übernahme schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen, die Internationalisierung nimmt Fahrt auf. 2005 folgt die namentliche Trennung von Schott, mit der Umfirmierung in „Zwiesel Kristallglas AG“ rückt die Glasstadt im Bayerischen Wald wieder in den Mittelpunkt. 2007 wird vor dem Werksverkauf in der Dr.-Schott-Straße eine acht Meter hohe Pyramide aus 93.665 Kristallgläsern errichtet. Die Botschaft ist unmissverständlich: Zwiesel ist zurück! Knapp ein Jahrzehnt nach dem Management-Buy-out wird die Vision von Prof. Dr. Buske und Dr. Hartel Rea­lität: Die Zwiesel Kristallglas AG ist bereits 2010 Marktführer in der Hotellerie und Spitzengastronomie. Seit 2017 ist das Unternehmen im Kristallglasbereich unangefochtener Weltmarktführer für die gehobene Hotellerie und Gastronomie.

Porträt von Kathrin Strous vor hellem Hintergrund. Die Frau mit blonder Kurzhaarfrisur trägt einen grauen Blazer über einem schwarzen Shirt.

» Man wird Teil der Familie – diese Tra­­­di­tion ist hier jeden Tag gelebte Praxis «

Kathrin Strous wurde 2024 in den Vorstand der Zwiesel Kristallglas AG bestellt. Im Unternehmen tätig ist sie seit 2018.

Entschlossene Modernisierung mithilfe der LfA

Hinter dieser Erfolgsgeschichte steckt mehr als unternehmerische Entschlossenheit. Bereits in den 1990er-Jahren, noch vor dem Management-Buy-out, ermöglichten LfA-Förderungen die Automatisierung von Produktionsanlagen, berichtet Kathrin Strous, die als Vorstandsmitglied für die Bereiche Finanzen, Controlling, Compliance, IT, Personal und Supply-Chain-Management verantwortlich ist. „Die beiden neuen Eigentümer haben das in den folgenden Jahren sukzessive weiter ausgebaut. Damals waren der Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen in grenznahen Gebieten Teil der Förderbedingungen.“ Ab 2007 flossen öffentliche Mittel in Höhe von mehreren Millionen Euro in den Standort – teils als Förderprogramme, teils als durch die LfA abgesicherte Hausbankkredite.

Die Fördermittel setzte das neue Management gezielt ein, um die Produktion effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Besonders energieintensiv sind die Glasschmelzwannen. Bis zu 1.500 Grad Celsius braucht es, um die benötigten Rohstoffe darin einzuschmelzen – konventionell wird hierfür Erdgas verwendet. Eine lohnenswerte Stellschraube für die Modernisierung: „Ein Großteil der LfA-Förderung floss in eine innovative Wannentechnologie, die es uns erlaubt, mit deutlich weniger Erdgas auszukommen als bei konventionellen Erdgaswannen“, erläutert Strous. Bei der sogenannten Oxyfuel-Technologie wird Erdgas nicht mit Außenluft, sondern mit reinem Sauerstoff verbrannt, um die Glasschmelzwanne zu beheizen. Zwischen 2010 und 2012 investiert das Unternehmen unter anderem in drei Oxyfuel-Wannen, die den Kohlendioxidausstoß und die Stickoxid­emissionen deutlich reduzieren und im Vergleich zu gasluftbeheizten Wannen 30 Prozent weniger Energie verbrauchen.

Parallel dazu werden zwischen 2007 und 2015 die Produktionsanlagen umfassend modernisiert, unter anderem mit Verpackungsrobotern, einem neuen Logistikport, einer neuen Lehrwerkstatt und einer erneuerten Wasserversorgung. „Im Prinzip wurde der Fertigungsstandort, der nicht mehr profitabel war und kurz vor der Schließung stand, damit zum Weltmarktführer ausgebaut“, resümiert Strous. „Ohne diese Förderung wäre die Produktionskapazität über kurz oder lang verloren gegangen. Die Bayerische Staatsregierung hat in Form der LfA zur richtigen Zeit die richtigen Programme aufgelegt.“

Modernes Unternehmen mit Tradition

Bei aller Veränderung bleibt die regionale Verwurzelung ein stabiles Fundament: 95 Prozent der Belegschaft stammen aus dem Landkreis, viele arbeiten bereits in zweiter oder dritter Generation im Werk. „Wir schaffen die Verbindung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Heimat und Internationalität, zwischen Handwerkskunst und Innovation. Für uns sind das keine Gegensätze, sondern ein Teil des großen Ganzen“, beschreibt Strous das Selbstverständnis des Hauses.

Dieses Selbstverständnis bildet auch die Grundlage für das nächste Kapitel der Unternehmensgeschichte: 2022 schließt sich Zwiesel Glas mit dem langjährigen US-Partner Fortessa Tableware Solutions zusammen – der Startschuss für die Transformation vom Glasspezialisten zum Komplettanbieter für Glaswaren, Geschirr und Besteck im professionellen wie privaten Bereich. Ende 2025 firmiert die Zwiesel Kristallglas AG zur Zwiesel Fortessa AG um. Das Ziel ist klar: Weltmarktführer nicht nur für Kristallgläser, sondern für den gesamten gedeckten Tisch zu werden. Das familiäre Gefühl soll dabei erhalten bleiben. „Man wird Teil der Familie und diese Tradition ist hier tatsächlich jeden Tag gelebte Praxis“, sagt Strous. „Ich war zuletzt bei unserem Partner in den USA – und die sagen auch stolz, sie sind Teil einer Glashütte. Das ist schon besonders.“ Was mit einer kleinen Tafelglashütte am Ortsrand von Zwiesel begann, ist heute eine Welt­marke mit unverwechselbarem Klang, die noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte ist. 

Ein Mann hält einen Stab mit frisch gegossenem Glas nach oben. Er schaut hoch. Im Hintergrund ist ein metallener Brennofen zu erkennen.

Die Glasbläserpfeife ist bis heute ein unver­zichtbares Werkzeug in der Handfertigung von Zwiesel Glas

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