
Pionier der Mineralfarben
Was hat das Weiße Haus in Washington mit der Oper von Sydney und dem Volkstheater in München gemeinsam? Überall kamen Farben von Keimfarben zum Einsatz, einem fast 150 Jahre alten von der LfA geförderten Unternehmen aus Diedorf bei Augsburg
Text Nina Berendonk
Die Geschichte von Keimfarben beginnt mit einem königlichen Auftrag und dem Forschergeist eines Mannes: Adolf Wilhelm Keim, geboren 1851 in München, im Tal, war Töpfer, Erfinder und Wissenschaftler und hatte im Gebäude der Akademie der Bildenden Künste in München ein Institut zur Farbpigmentanalyse. Einen Tag nach seinem Tod 1913 wurde er zum ordentlichen Professor an der Akademie ernannt. König Ludwig I. von Bayern erteilte ihm den Auftrag, eine Farbe nach dem Vorbild der italienischen Kalkfresken zu entwickeln, die auch dem raueren Klima in Deutschland standhalten kann. Nach jahrelangen Experimenten gelang Keim 1878 das Gewünschte: Er entwickelte die erste praxistaugliche Silikatfarbe, indem er flüssiges Kaliumsilikat – auch Wasserglas genannt – mit mineralischen Farbpigmenten kombinierte. Eine Erfindung, die das Bau- und Malerhandwerk revolutionierte. Das Besondere ist die sogenannte chemische Verkieselung. Das bedeutet, dass sich die Farbe dauerhaft mit dem mineralischen Untergrund verbindet, also sozusagen „versteinert“: Das sorgt für Langlebigkeit, Brillanz und Lichtechtheit der Farben. Wie gut das funktioniert, kann man sich zum Beispiel am Rathaus von Schwyz in der Schweiz ansehen: Die historischen Wandgemälde an den beiden Hauptfassaden wurden 1891 mit Keimfarben gemalt – und strahlen bis heute.
Inzwischen, 150 Jahre später, umfasst das Produktspektrum des Unternehmens mineralische Farben für Fassaden und Innenräume, Spezial- und Sanierputze, Produkte für Betonsanierungen, Wärmedämmsysteme und innovative Beschichtungen, die etwa Holz wetterfest machen oder einen natürlichen Schutz gegen Algen- und Pilzbefall bieten. Damit ist Keimfarben auch ein wichtiger Player in Sachen Denkmalpflege. Über seinen Stammsitz in Diedorf, wo die Firma auf einem 40.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände produziert, und einen zweiten Produktionsstandort in Brandenburg hinaus hat Keimfarben auch internationale Präsenz und die Weltmarktführung im Bereich Mineralfarben aufgebaut – als Mittelständler aus Bayern. Weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 500 Mitarbeitende und ist mit zehn Tochtergesellschaften in ganz Europa vertreten – darunter Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Spanien, die Niederlande, Großbritannien, Skandinavien, Polen und Tschechien. Auch in den USA und in Australien gibt es eigene Tochtergesellschaften. Zu den Prestigeobjekten gehört deswegen unter anderem das Weiße Haus in Washington, dessen Fassade mit Keimfarben gestrichen ist – ebenso wie der Buckingham Palace und die Oper von Sydney.
Für ein Wohnprojekt mit 1.200 Wohnungen in der albanischen Hauptstadt Tirana hat das Architektur- und Stadtplanungsbüro OMA auf ein ausgeklügeltes Farbkonzept gesetzt – und auf die Leuchtkraft von Keimfarben
Besonders stolz ist Rüdiger Lugert, seit 2010 CEO von Keimfarben, auf das jüngste „Leuchtturmprojekt“: Für die vor Kurzem eröffnete Erweiterung des Los Angeles County Museum of Art (LACMA), entworfen von Star-Architekt Peter Zumthor, wurde die Keimfarben-Farbessenz Lumaris eingesetzt. Lugerts ganz persönliche Lieblinge sind jedoch die großformatigen, fotorealistischen Murals von Guido van Helten, die der australische Künstler ausschließlich mit Keimfarben malt – übrigens ohne Unterstützung von ausführenden Assistenten.
Trotz des internationalen Renommees und der hochkarätigen Referenzen haben sich bestimmte Grundüberzeugungen bei Keimfarben nie verändert: „Bis heute prägen uns vor allem drei Werte aus unserer Gründerzeit“, sagt CEO Lugert, „Nachhaltigkeit, die Konzentration auf mineralische Bindemittel und der Anspruch, Farben fürs Leben zu entwickeln.“ Die Langlebigkeit der Produkte ist Kern des Geschäftsmodells und Teil der Firmen-DNA: „Fassaden, die über Jahrzehnte oder sogar mehr als 100 Jahre ohne grundlegende Überarbeitung erhalten bleiben, stehen für ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit zugleich“, so Lugert. „Wer sich für mineralische Farben entscheidet, investiert nicht in eine kurzfristige Oberflächenlösung, sondern in ein System mit langfristigem Mehrwert.“ Gerade Architekten und Bauherren, weiß Lugert, denken heute stärker in Lebenszyklen als in Erstkosten.
Die nachhaltige Haltung des Augsburger Unternehmens ist sogar messbar: 80 Prozent der Keimfarben-Produkte sind Cradle-to-Cradle-zertifiziert. Mit diesem internationalen Nachhaltigkeitssiegel werden Produkte bedacht, die nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entwickelt wurden und hohen Ansprüchen an Materialgesundheit, Recyclingfähigkeit und soziale Verantwortung genügen. Auch die besondere Langlebigkeit der Erzeugnisse trägt zur Ressourcenschonung bei. Unter anderem dafür erhielt Keimfarben 2026 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Solche hochkarätigen Auszeichnungen haben Strahlkraft. Obwohl im Raum Augsburg faktisch Vollbeschäftigung herrscht und auch München mit guten Jobs lockt, hat Keimfarben laut Lugert „insgesamt wenig Probleme, geeignete Mitarbeitende zu finden“. Um für junge Talente sichtbar und attraktiv zu sein, arbeitet man auch mit den Augsburger Hochschulen zusammen, unterstützt lokale Vereine und soziale Projekte. Ein sinnstiftendes Produkt, ein klarer Wertekompass und internationale Perspektiven – das seien, so Lugert, heute „sehr starke Arbeitgeberargumente“.

» Sinnstiftende Produkte und internationale Perspektiven sind starke Arbeitgeber-argumente für junge Talente «
Rüdiger Lugert, seit 2010 CEO von Keimfarben
Und wie schaut man bei Keimfarben in die Zukunft? „Weltmarktführer zu sein, bedeutet für uns nicht nur Größe, sondern vor allem Innovationsführerschaft im eigenen Segment“, beschreibt Lugert die strategische Ausrichtung. „Unser Anspruch ist, dass Keimfarben weltweit die technologische, qualitative und nachhaltige Referenz für Mineralfarben bleibt.“ Dafür investiere man konsequent – und mithilfe eines Universalkredits der LfA über die Hausbanken – in neue mineralische Systeme und in die enge Zusammenarbeit mit den internationalen Distributoren. Gerade dieses partnerschaftliche Netzwerk sei ein zentraler Hebel der globalen Expansionsstrategie. Konkret fokussiert sich das Unternehmen auf neue Wachstumsregionen: „Wir sehen in den kommenden Jahren vor allem in Südostasien, in Teilen Südwesteuropas sowie in Nord- und Mittelamerika attraktive Wachstumschancen“, so Lugert. „In einigen Regionen gibt es für uns noch weiße Flecken, die wir gezielt erschließen wollen.“ Internationalisierung sei kein Selbstzweck, sondern die Entwicklung von Märkten, in denen langlebige und nachhaltige Baustoffe spürbar an Bedeutung gewinnen.
„Zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen prägende Entwicklungen beeinflussen auch unsere Produktentwicklung“, erläutert der Geschäftsführer die aktuellen Markttrends. „Auf der einen Seite stehen architektonische Leuchtturmprojekte, in denen die gestalterische und materielle Qualität mineralischer Farben sichtbar wird“ – so wie etwa der LACMA-Erweiterungsbau in Los Angeles. „Auf der anderen Seite prägen das serielle und das modulare Bauen unsere Entwicklung sehr stark.“ Dabei werden Gebäude aus industriell vorgefertigten, standardisierten Bauteilen oder Raummodulen in einer Art Baukastenprinzip zusammengesetzt. Typisch sind zum Beispiel Decken, Wände, Treppenläufe, Balkonplatten oder Fassadenteile mit integrierten Türen oder Fenstern. „Diese Bauweise“, erklärt Lugert, „bringt neue Untergründe, neue industrielle Prozesse und neue Anforderungen an Beschichtungen mit sich. Unser Ziel ist es, die Stärken mineralischer Produkte auch in neue industrielle Bauprozesse zu übersetzen.“
Von der Denkmalpflege – sozusagen dem Blick in die Vergangenheit – will man sich dennoch nicht abwenden. „Die Denkmalpflege ist historisch eng mit unserer Identität verbunden und bleibt für uns ein wichtiges Kompetenzfeld“, so Lugert. „Gerade dort zeigen mineralische Systeme ihre besonderen Stärken – etwa bei Authentizität, Diffusionsoffenheit und Langlebigkeit. Gleichzeitig ist der Neubau für uns ein zentrales Wachstumsfeld, vor allem überall dort, wo Nachhaltigkeit, Kreislauffähigkeit und architektonische Qualität gefragt sind. Wenn man es zuspitzen will: Die Denkmalpflege unterstreicht unsere Glaubwürdigkeit und Herkunft, der Neubau eröffnet uns zusätzliche Potenziale.“
In Bayern verwurzelt, auf der ganzen Welt bekannt; der Vergangenheit verpflichtet, die Zukunft stets im Blick: Diese selbstbewusste Dualität hat Keimfarben schon immer ausgezeichnet. Der Erfolg gibt dem Augsburger Unternehmen recht.
Auch am Kapitol in Washington wurden Mineralfarben des Unternehmens verwendet







